Nach dem letzten Atemzug - Leseprobe

Die beiden Flüchtenden umklammerten ihre in der Eile gepackten Utensilien, Kleider, Jacke, Handtasche und näherten sich wie zwei Sprinter der Ausgangstür. Lizzi mit Vorsprung erreichte sie als Erste, dicht gefolgt von Harry, der nach leichtem Fehlstart ständig aufholte. Schulter an Schulter zwängten sie sich durch das Treppenhaus, sprangen in den Garten hinaus und hielten erst an, als das Tor hinter ihnen klappernd ins Schloss fiel. Nach einer Minute, mehr brauchten sie nicht für ihren Abgang, wurde es wieder still im Haus. Zurück blieb eine offen stehende Wohnungstür und ein verdutzt drein schauender Monsieur Lacroix. »Dann kostet das auch nichts«, stellte er lakonisch fest und schloss zu.

Die Entkommenen erlaubten sich erst in sicherem Abstand hinter der Pforte eine kurze Verschnaufpause. Sie boten einen komischen Anblick. Lizzi trug ihre Stöckelschuhe unter dem Arm und das Minikleid war hochgerutscht, um ungehindert laufen zu können. Mit einem Arm war sie im Mantel drin, den anderen hatte sie bisher nicht geschafft, so hing er verloren an ihr herunter. Harry hatte zwar seine Hose an, konnte sie jedoch während des Rennens nicht schließen und in der Hand trug er seine Jacke. Sein Hemd hatte er zur Hälfte angezogen, der Rest flatterte wie eine Fahne im Wind. Seine Füße steckten barfuß in den Schuhen, die Socken hatte er in der Eile opfern müssen.

Er wollte gerade um die Ecke verschwinden, als ihn Lizzi am Ärmel zurückhielt: »Halt! Moment mal. Können Sie mir bitte erklären, was Ihre Vorstellung da drinnen sollte? Sie sind gar nicht Lacroix. Warum haben Sie mich angelogen?«

»Können Sie sich das nicht denken?« Harry löste ihre Hand von seinem Arm als würde er das jeden Tag tun. »Ich wollte nur mal sehen, wie weit Sie gehen würden. Was war das für eine Verabredung? War das die Idee des Begleitservices?«

Sein abfälliger Ton machte sie zornig: »Sie eingebildeter Fatzke! Nicht alle Menschen sind so verdorben und denken immer nur an das eine, wie Sie!«, zischte sie zurück.

Harry zog eine Augenbraue hoch und schaute sie kritisch an: »Ach, ja! Genau ...« Er genoss es, sie zu provozieren.

Sie las in seinem Blick, dass er sich daran erinnerte, wie sie vor wenigen Minuten selbst ganz hemmungslos »an das eine ...« gedacht hatte. Mit ihrer Äußerung hatte ihre süße Liebelei einen verwerflichen Beigeschmack erhalten.

»Sie - Sie - Nullnummer!« Lizzi sah Rot. Eine heiße Welle überzog ihr Gesicht aus Wut und Beschämung, über ihr zügelloses Verhalten. Sie hatte sich in einem Gefühlssturm treiben lassen, jetzt wurde die Echtheit ihrer Bekenntnisse angezweifelt und ihr Prostitution vorgeworfen. Der Mann war ein ungehobelter Flegel. Ungestüm zog sie ihren Rock gerade.

Etwas behutsamer versuchte Harry sie zu warnen: »Wussten Sie nicht, dass Lacroix ein ganz zwielichtiger Typ ist? Der hat seine Hände in allerhand unsauberen Geschäften von Drogenmafia bis Waffenschieberei. Sie sollten sich vorsehen, dass er sie nicht mit in seinen Verbrechersumpf hineinzieht. «

»Woher wollen Siiiee das so genau wissen? Ah – jetzt dämmert es mir. Sie sind von der Polizei! Nein, das kann nicht sein, Sie wurden ja verhaftet!« Sie biss sich nachdenklich auf die Lippen und kaute darauf herum.

Die Erinnerung an seine peinliche Verhaftung, bei ihrem ersten Treffen hätte ihn eigentlich ärgern müssen. Doch das Bild, das Lizzi bot, zerzaust und halb angezogen, weckte in ihm die Sehnsucht nach dem wundervollen Gefühl ihrer seidenen Haut auf der seinen. Ihr sinnlicher Mund, der seine Lippen berührte ... Sie fuchtelte mit ihrem Absatz bedrohlich nahe vor seinen Augen herum und holte ihn aus seinen Träumereien.

»Oh, - ich hab’s!« Ihr Stöckelschuh tippte ihm anklagend vor die Brust: »Sie sind ein Privatschnüffler! Stimmt’s?«, sie nickte zufrieden, sicher, das Geheimnis damit gelüftet zu haben. Nun balancierte sie auf einem Fuß und schlüpfte in die Schuhe, die sie vor sich auf dem Boden platziert hatte.

Harrys grinste müde: »Sie haben zu viele Krimis gesehen. – Nein, ich bin weder das eine noch das andere. Sie haben noch einen Wunsch frei, dann verwandle ich mich vom Prinzen wieder in eine Kröte.«

»Ach – Sie verwandeln sich erst noch? Ich dachte, das hat bereits stattgefunden«, zahlte sie ihm heim.

Ganz schön frech, die Babsi fand er. Die ganze Situation schien endlos verfahren und er würde nie herausfinden, warum sie wirklich bei Lacroix aufgetaucht war. Um Vernunft und Ruhe bemüht, meinte er deshalb: »Es geht mich zwar nichts an, aber warum verabreden Sie sich mit einem wildfremden Mann? Mit Ihrem Aussehen kann es für sie nicht schwer sein, Männer kennenzulernen, außer sie hatten etwas anderes damit bezweckt.«

»Sie haben recht: Es geht Sie wirklich nichts an.« Sie riss wild an ihrem Mantel, um in den zweiten Ärmel zu schlüpfen, was ihr nicht gelang. Tief verletzt und mit einem Schlag sehr traurig über das unglückliche Ende ihres wunderbaren Abenteuers, schaute sie ihn an.